Mehrgenerationentherapie und Genogramme in der Drogenhilfe
![]() |
Ruthard Stachowske Mit Vorworten von Dr. Arist von Schlippe und Prof. Dr. Wolfgang Heckmann. Bestellen im Asanger Verlag |
|
Auszüge aus dem Buch:
Rezension
Stachowske, Ruthard; (2002); Mehrgenerationentherapie und Genogramme in der Drogenhilfe - Drogenabhängigkeit und Familiengeschichte; Asanger Verlag GmbH Heidelberg & Kröning
Darauf hätte man schon viel früher stoßen können. Das Eltern, Partner, Angehörige an der therapeutischen Behandlung Suchtkranker mitwirken sollten ist ja auch seit längerem Standard. Dieses jedoch wissenschaftlich zu begründen und mit Handlungsanleitungen für die Praxis zu versehen ist Verdienst von Dr. Ruthard Stachowske, dem Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch, einer Einrichtung der Jugendhilfe e. V. Lüneburg. Diese Einrichtung war eine der ersten, die nicht nur drogenabhängige Menschen und ihre Kinder im Rahmen eines ganzheitlichen Therapiekonzeptes aufnahmen, sondern für die Kinder auch eine ihren Bedürfnissen entsprechende Betreuungseinrichtung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz zur Verfügung stellte. Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch ist immer noch Vorzeigeobjekt und im Sinne der "best practice" herausragendes Angebot. Der Leiter der Einrichtung Dr. Ruthard Stachowske hat sich nicht nur intensiv des Themas Kinder von Drogenabhängigen angenommen, sondern seine praktische Arbeit auch wissenschaftlich untermauert.
Herausgekommen ist ein Buch, in dessen Mittelpunkt die Genogramm-Analyse steht, die vom Autor mit eigener Akzentsetzung weiterentwickelt wurde. "Man kann es," so der Rückentext, "als Nachschlagewerk mit bewegenden Fallbeispielen nutzen, man kann es aber auch lesen wie einen spannenden Roman." Der Verlag schreibt weiter: "Die Abhängigkeit von illegalen Drogen ist weder eine Antwort auf die Gesellschaft noch einfach eine kriminelle Aktivität. Drogenabhängige sind auch keine willenlosen Opfer der Vergangenheit, sondern aktiv entscheidende Personen, die gleichzeitig tief verstrickt sind in eine schon lange währende Dynamik in der eigenen Familie."
Nun ist es also eindrucksvoll belegt. Auf 223 Seiten stellt Stachowske die von ihm angewandte Mehrgenerationentherapie vor. Dabei ist er so freundlich, den Leser durch eine sanfte Heranführung den Einstieg leicht zu machen. Das Einführungskapitel "Die Entwicklung individueller Lebensentwürfe und familiärer Prozesse im Zusammenhang mit mehrgenerationalen Wirkfaktoren" stellt die aktuellen Theorien dieser psychologischen Richtung vor und weist auf die insbesondere im Nationalsozialismus entstandenen Täter-Opfer-Beziehungen hin, die nach wie vor die Menschen bewegt.
Ein zweiter Abschnitt beschreibt die geschichtlichen Grundlagen für die Entwicklung von Drogenabhängigkeit in Europa, die eng an die Bedeutung der chemisch-pharmazeutischen Industrie geknüpft sind und natürlich auch die großen Kriege des vergangenen Jahrhunderts. Schließlich dürfen die Sozialgesetzgebung und das Betäubungsmittelrecht nicht außer Acht gelassen werden.
Erst dann wird anhand von vier Genogrammen die Analyse mehrgenerationaler Prozesse bei der Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe vorgestellt.
Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Rückkopplung von Geschichte und mehr-generationaler Familiengeschichte auf die Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe, bevor im Abschlusskapitel die Relevanz der mehrgenerationalen Perspektive für das familienorientierte Drogenhilfesystem entwickelt wird.
Der Leser fühlt sich mit diesem Buch gut behandelt. In einer enormen Fleißarbeit hat Stachowske umfangreiches Material zusammengetragen und für die Veröffentlichung bearbeitet. Das betrifft nicht nur die Familientherapie, in der die Komplexität generationaler Prozesse bisher wissenschaftlich noch nicht entwickelt wurde, auch wenn generationsübergreifende Zusammenhänge im Prozess der Lebensreifung an verschiedenen Stellen bearbeitet wurden. Auch die von Stachowske als "Drogenepidemie" bezeichnete Entwicklung der Drogenabhängigkeit wird umfassend seit dem Jahr 1806 beschrieben, in dem Friedrich-Wilhelm Sertuerner aus dem Opium das Alkaloid "Morphium" isolierte. In einer eindrucksvollen Tabelle wird die Entwicklung der Drogensubstanzen belegt, und das nicht nur mit Jahreszahl und "Entdecker", sondern auch mit den entsprechenden wissenschaftlichen Fundstellen.
Besonderen Raum nimmt dabei die Entstehung von "Suchtwellen" in Folgen von Kriegen ein. Die rechtlichen Rahmenbedingungen einerseits der Sozialgesetzgebung andererseits auch des Umfanges mit "neuen Drogen-Substanzen" werden ebenso umfangreich dargestellt. So zitiert Stachowske eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: "Höhere Anordnung zufolge untersagen wir hierdurch den Apothekern unseres Verwaltungs-Bezirkes mit Bezugnahme auf § 68 der Apothekenverordnung (...) das Vorrätighalten von abgewogenen Pulvern mit einer bestimmten Menge eines Opiumpräparates oder eines anderen narkotischen Mittels unter Androhung einer angemessenen Ordnungsstrafe für den Übertretungsfall". Diese Bekanntmachung wurde von einem Herrn Möller aus der königlichen Landdrostei erlassen und in den Lüneburger Anzeigen vom 16.10.1879 veröffentlicht. Vorläufer einer Betäubungsmittelverschreibungsverordnung aus dem Jahre 1925 werden ebenso zitiert wie ärztliche Berichte über - wie wir heute sagen würden - Drogenabhängige aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts.
Auch wenn diese Informationen zunächst nur einen ästhetischen Reiz haben, ist es notwendig, sie zugrund zu legen, um deutlich zu machen, dass es seit vielen Generationen Probleme mit nach den jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen illegalen Substanzen gab, die in heutigen Biographien immer wieder auftauchen. Stachowske fasst daher (auf Seite 96) zusammen, dass die Kenntnisse zu mehr-generationalen Prozessen und geschichtlichen Einflussgrößen folgende Grundannahmen zulassen:
- "Es gibt spezifische generationale Prozesse im Micro-System Familie, in denen sich in einem dynamischen, zeitlich eingrenzbaren generationalen Prozess Zusammenhänge entfalten, innerhalb derer sich die Dynamik im System der Generationen entwickelt.
- Es gibt Fakten der Geschichte im Macro-System Kultur, die in besonderer Weise das Micro-System Familie beeinflussen.
- Der kulturtragende, komplexe Prozess des Tradierens ist für beide Systeme und damit für die Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe von Bedeutung.
- Durch das Zusammenwirken aller geschichtlichen und familiengeschichtlichen Faktoren werden Erkenntnisse und Erfahrungen, aber auch die Störungen und traumatischen Effekte erlebt und tradiert, die in aktuellen Therapien zu bearbeiten sind."
Stachowske folgert daraus: "Die genaue Kenntnis dieser Zusammenhänge und der einzelnen Wirkfaktoren ist für die Aufklärung der Lebensentwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe unabdingbar."
Der Autor stellt dann überzeugend den Versuch einer Systematisierung vor, die er anhand von vier beispielhaften Genogrammen umsetzt. Die Darstellung der Fallbeispiele macht mit über 60 Seiten nicht nur den Schwerpunkt des Buches aus, sondern ist auch eine ausgesprochen spannende, bisweilen aufwühlende, Lektüre. In der Auswertung dieser Daten beschreibt er dann die drogenkranken Lebenssequenzen, traumatisch Effekte, die Suchtentwicklung in den Generationen und anderes mehr noch einmal im Querschnitt.
Gut, dass die Relevanz der mehrgenerationalen Perspektive für das familienorientierte Drogenhilfesystem abschließend noch einmal ausführlich dargestellt wird.
Alles in allem also eine überzeugende Veröffentlichung von echtem Neuigkeitswert mit vielen spannenden und notwendigen Details und Ansätzen. Dass man dieses Buch dann doch von Zeit zu Zeit zur Seite legen muss, um seine Gedanken neu zu ordnen, hat damit zu tun, dass es nicht für den lesenden Endverbraucher geschrieben wurde, sondern eine wissenschaftliche Abhandlung ist. So finden sich verschiedene Darstellungen und Erklärungen an mehreren Stellen im Text, so dass diese Wiederholungen zum Teil ermüdend wirken können. Hinzu kommt eine gelegentliche sprachliche Umständlichkeit, die etwas mühsam zu überwinden ist. Und es ist natürlich schade, dass das Büchermachen keine Kunst, sondern nur noch ein technischer Prozess ist. Ein Lektor hätte dem Buch an vielen Stellen gut getan und ein lesefreundlicheres Layout hätte dem Ganzen gut angestanden.
Klagen wir aber nicht über die Form, sondern bleiben wir beim Inhalt und resümieren wir das Wesentliche, was der Autor bereits auf Seite 168 geschrieben hat:
"Es ist zukünftig notwendig, die relevanten geschichtlichen Effekte als eigenständige Größen in den generationenbezogenen Entwicklungsprozessen sehr viel deutlicher in ihrer Wirkung zu beachten, als dies bisher geschehen ist. So sind die wirtschaftlichen, politischen und industriellen Einflüsse im Kontext zur Drogenabhängigkeit in ihrer Dimension verkannt. Tatsache ist: Wir bewegen uns in einer ca. 175 Jahre alten Geschichte von Drogenabhängigkeit, die weitestgehend verdrängt und verschleiert ist. Vielleicht ist dieser Mythos für unsere Kultur notwendig, um Realitäten abzuwehren, weil diese zu sehr schmerzen. (...) In dem neu zu entwerfenden Bild über die komplexen Entwicklungsbedingungen von Drogenabhängigkeit werden Verantwortlichkeiten neu zu sehen sein. Und: Es erfordert eine neue Art von Therapie, nicht nur diejenige auf der Couch, sondern auch eine auf die Gesellschaft und Politik bezogene. Eine neue Sicht der Dinge macht es notwendig, klassisch individualzentrierte Ansätze durch kontextuelle zu erweitern und fordert dazu auf, die wichtigsten Bezugsgrößen mehrgenerationaler Prozesse neu zu beachten. Dies sind die kulturellen, politischen und geschichtlichen Einflüsse und Zusammenhänge."
Empfehlung an die Drogentherapeut/innen: Diese Buch sollten Sie lesen.
Jost Leune
Fachverband DROGEN UND RAUSCHMITTEL e. V.,
Odeonstr. 14, 3059 Hannover
Tel.: 0511/18 333, Fax: 18 326,
eMail:
This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
,
www.FDR-online.info
zum Seitenanfang
Unsere Zeit ist eine Zeit des Spezialwissens. Wir haben auf vielen Feldern ein ungeheures Detailwissen aufgehäuft, in einem Umfang und einer Schnelligkeit, wozu es in der Geschichte kein Beispiel gibt. Dies ist jedoch nicht nur ein Segen. "Wissen schafft Wüste" heißt es in einem wissenschaftskritischen Buch : Wir stehen in der Gefahr, dass Spezialwissen Spezialisten hervorbringt, die sich zwar auf ihrem jeweiligen Feld hervorragend auskennen, denen jedoch ein Bewusstsein für die Verbindung fehlt, für die "Ökologie der Wissensbereiche". Dann kann es geschehen, dass hochspezialisiertes Wissen ein- und umgesetzt wird, ohne die Querverbindungen zu bedenken, ohne einen Blick auf die Zusammenhänge des "Ganzen". Für den Umgang mit dem Thema "Drogen und Drogenmissbrauch" können wir dies im Feld der Psychotherapie genauso beobachten wie in der Politik.
Es braucht heute vor allem "Verbinder", Persönlichkeiten, die in der Lage sind, die Perspektiven verschiedener Felder zusammenzuführen und zu integrieren. Der Autor des vorliegenden Buches ist ein solcher Verbinder. Er kennt sich in der praktischen therapeutischen Arbeit mit drogenabhängigen Klienten hervorragend aus und ist gleichzeitig mit wissenschaftlichem Denken und wissenschaftlichen Arbeiten vertraut, ist belesen, kennt die Geschichte, nicht nur die des Drogenkonsums, sondern auch übergreifende soziologisch-historische Perspektiven. Mir ist kein Werk zum Thema "Sucht" bekannt, das so breit angelegt ist: Es versteht Sucht zunächst als viel zu wenig reflektiertes gesellschaftliches und historisches Phänomen und geht dann zu einer familiensystemischen Perspektive über, ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Mehrgenerationendynamiken in Familien - ein wesentlicher Akzent gerade angesichts aktuell populärer lösungsorientierter Kurz-Therapiekonzepte. Die Kernthese, dass sich "Familiengeschichten und Drogen-Substanzen begegnet sein müssen" (S. 7) und die hier besonders herausgestellte, neu belegte Geschichte der Wurzeln der aktuellen Drogenepidemie seit 1826 verbieten es, das Phänomen Drogenabhängigkeit als Antwort der heutigen Jugend auf die Gesellschaft oder einfach als kriminelle Aktivität einer heute zufällig besonders groß gewordenen Mafia zu verstehen.
Da ist denn auch nicht zu befürchten, dass ein Drogenabhängiger als Einzelner "auf die Couch gelegt" wird, auch nicht, dass sich die Arbeit im Führen von Familiengesprächen erschöpft - genauso wenig wie das Heil in einer revolutionären gesellschaftlichen Veränderung oder im Abbrennen von Opiumfeldern in Fernost gesucht wird. Der in diesem Buch angebotene Weg ist eher schwieriger als bisher begangene. Es geht darum, in mühsamer, genauer rekonstruktiver und konstruktiver Arbeit mit Betroffenen und Beteiligten auf schmerzhafte Bereiche zu schauen - und nicht bei der Historie des einzelnen, auch nicht bei seiner Familiengeschichte stehen zu bleiben, sondern immer wieder den Blick darüber hinaus zu wagen. Dass dabei dann auch kritische Fragen gestellt werden, bis hin zu der Frage nach dem eigenen, ganz persönlichen Verhältnis zu der nationalsozialistischen Vergangenheit, ist ein Aspekt, der dieses Buch zu einer Herausforderung macht: Die These der Verbindung von Familiengeschichten und Drogengebrauch wird nicht abstrakt und theoretisch durchbuchstabiert, sondern hier wird lebendige Geschichte erzählt - das erschütterndste ist das Kapitel über die Opfer des Holocaust und über die NS-Zeit und ihre Folgen in den Seelen von Familien und Einzelpersonen.
Hier genügt eine einzige Theorie nicht, und so schlägt das Buch auch Brücken über verschiedene therapeutische Schulen und Orientierungen, etwa wenn tiefenpsychologische Konzepte wie "Verdrängung" oder "Verleugnung" mit familiensystemischen Bezügen verbunden werden, um historische Phänomene einzuordnen. Es entsteht ein schlüssiges Bild, das das Phänomen Drogensucht auf neue Weise verstehbar werden lässt - und doch die Patienten nicht als willenlose Opfer der Vergangenheit sieht, sondern als aktiv entscheidende Personen, gleichzeitig tief verstrickt in eine schon lange währende Dynamik der eigenen Familie, an der er (oder sie) schwer trägt (wie die bewegenden Fallbeispiele zeigen) und die er/sie gleichzeitig nur teilweise versteht, wenn überhaupt. Familientherapeutische Gespräche unter Einbezug so vieler Generationen wie möglich zeigen sich hier als erfolgversprechender Weg zur Entschlüsselung dieser Dynamik. Die vom Autor dabei mit eigener Akzentsetzung weiterentwickelte Methode der genographischen Analyse bildet den praktisch-relevanten Schwerpunkt des Buches. Die Genauigkeit der Analyse ist beeindruckend und führt geradezu zwingend die Stimmigkeit der theoretischen Überlegungen vor Augen.
Abschließend eine Bemerkung zu der Praxisrelevanz des Buches: Es ist und bleibt ein wissenschaftliches Werk. Es werden theoretische Überlegungen aufgestellt, die anhand von praktischen Fällen und Therapieverläufen einer sehr detaillierten wissenschaftlichen Argumentation unterzogen werden. Konkrete praktische "Handanweisungen" zur Durchführung von mehrgenerationalen Familientherapiegesprächen wird die Leserin/der Leser in diesem Buch nicht finden. So gesehen ist es eher als ein Werk gedacht, das als Handbuch mit einer Fülle von Einzeldetails aufwartet und das Hintergrundwissen für die Praxis vermittelt. Man kann es als Nachschlagewerk nutzen, man kann es aber auch lesen wie einen spannenden Roman - in beiden Fällen gewinnt die eigene Optik an Breite und an Tiefe. Das ist der Sinn des Buches und in diesem Sinn empfiehlt es sich genauso für Praktiker in der Drogenhilfe wie für vorwiegend wissenschaftlich interessierte LeserInnen.
Osnabrück, im März 2002
Arist von Schlippe
zum Seitenanfang
Vorwort - Prof. Dr. Wolfgang Heckmann
Der letzte große Krieg war schon ein halbes Jahrhundert vorüber, als uns ins Bewusstsein gebracht wurde, dass wir als Therapeuten mit den sekundären Opfern des Krieges und der sein Geschehen bestimmenden und erleidenden Generation beschäftigt sind. Es war Tilmann Moser, der uns in einem weiten Bogen auf die Schäden verwies, die aus Verhalten und Erleben der Kriegsgeneration an ihre Nachkommen weitergegeben worden waren. Aus stummem Entsetzen, aus Versuchen des Vergessens, aus nicht oft gelingender und auch nicht nachhaltig betriebener Auseinandersetzung, aus kollektivem und radikalem antiautoritärem Protest, kurz: aus einem eklatanten Mangel an echter und gründlicher intergenerationaler Kommunikation sind Verwundungen und Vernarbungen entstanden, die auf der Couch des Analytikers neu aufgebrochen und der Bearbeitung zugänglich geworden sind. Man fragt sich als Zeitgenosse, um wieviel größer die Schäden noch sein mögen, die nicht das Privileg psychotherapeutischer Aufmerksamkeit genießen dürfen.
Nun wird hier - gewissermaßen als Vertiefung des Erschreckens über unsere historische, mehrere Generationen übergreifende Verletzung an historischer Schuld - ins Detail gegangen. Das dem Publikum hier vorgelegte Buch verfährt nicht wie Moser über das gesamte Spektrum psychopathologischer Spuren hinweg, sondern konzentriert sich auf eine Symptomatik: die Suchterkrankung, vorrangig den Missbrauch und die Abhängigkeit im Bereich der illegalen Drogen. Damit erschließt sich ein Spezialgebiet, das sich neben den großen kriegerischen und erkennbar zerstörerischen Ereignissen auch speziell mit den Verstrickungen von Personen und Institutionen in Verführung und Vergiftung, in Verdrängung und Vermarktung von Drogen und Drogenabhängigen beschäftigen muss: Schuld in Vielfalt und nur selten artikuliertes Entsetzen.
Die Konsument/innen illegaler Drogen halten der Gesellschaft von jeher einen Spiegel über ihren Zustand der Verseuchung vor. Der Bezug des individuellen (Fehl)Verhaltens zu mächtigen Interessen z.B. von Pharma-Entwicklern und -Konzernen, ohne deren Energie sich die Mehrheit der Ismen wie Morphinismus, Kokainismus oder Methadonismus kaum je so weit verbreitet hätte, wurde noch selten so gründlich aufgearbeitet und mit Quellen belegt wie hier von Ruthard Stachowske.
Der Autor handelt und schreibt aus Überzeugung. Wer ihn als Vortragenden erlebt, spürt unmittelbar, da will etwas ans Licht, da muss etwas gesagt, der Welt mitgeteilt werden. Er spricht gar vom Paradigmen-Wechsel für die gesamte Suchtkrankenhilfe, die sich aus der mehrgenerationalen Perspektive ergebe.
Im engeren Kontext der therapeutischen Systeme werden da auch Gegenstimmen laut. Manch einer äußert sich kritisch, dass der auf mehrere Generationen sich beziehende Zugang nichts als eine besonders kreative und ausführliche systemische Betrachtungsweise sei. Das ist aber nicht ganz korrekt. Denn letztlich war der pure systemisch-familientherapeutische Ansatz nicht historisch, nicht konsequent vertikal. Erst durch die Erfindung und effektive Nutzung des Genogramms in der Praxis der systemischen Therapie trat die historische Dimension bildhaft zutage und konnte mehr als eine modische Variante werden. In der hier vorliegenden Analyse spielt die genografische Darstellung eine herausragende Rolle.
Sie kann insoweit auch über die psychoanalytische Gewichtung bei Moser hinausgehen und zwei Stränge der Untersuchung zusammenführen: zum einen die Analyse von Dokumenten und Erfahrungen im Umgang mit dem "Drogenproblem-Problem" innerhalb einer Zeitspanne von 150 Jahren oder sechs Generationen, zum anderen mit der Entwicklung von individuellen und Familien-Schicksalen im Umgang mit Drogen, d.h. Konsum, Missbrauch und süchtiges Verhalten, aber auch Begleit- und Folge-Kriminalität, sozialer Abstieg etc.
Dabei wird augenfällig, wieviel Schuld die legalen Geschäfte-Macher schon auf sich geladen haben, die heute gern mit Fingern auf ihre illegalen Geschwister weisen, wie sehr beispielsweise die Substitution von Abhängigkeit durch neue Stoffe von jeher lediglich ordnungspolitisch motiviert war und den Produzenten der alten Gifte neue Geschäfte mit neuen Giften ermöglichte. Wieviele Lehren könnte man aus der Geschichte ziehen, wenn man nur wollte, wieviele neue Forschungs- und Modell-Programme zur Überprüfung alter und durch Erfahrung aufgelöster Missverständnisse könnte man einsparen und wirklich Neues probieren!
Noch aufregender aber ist die Entdeckung, die in diesem Buch durch die biografische Rekonstruktion des Konsums gleicher und ähnlicher Drogensorten über die Generationen hin erfolgt: Die Polamidon-Konsument/innen der frühen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts könnten die Wegbereiter für die völlig aus der gesundheitspolitischen Kontrolle geratene Methadon-Verschreibung von heute und für den unkritischen Glauben an den Segen von Medikation mit Ersatz- und Originalstoffen für ihre Enkel-Generation sein. Nicht völlig neue, aber durch ein neues analytisches Verständnis abgesicherte Perspektiven könnten sich daraus auch auf die durch die Hauptakteure der Aids-Hilfe-Organisationen unter gesundheitspolitischen Vorwänden forcierte Liberalisierung des Drogenkonsums ergeben oder auf die in vielen Redaktionsstuben vorherrschende Idee, dass die Legalisierung einzelner Drogen die mit deren Konsum verbundenen Probleme mindern könnte.
Kein Zweifel: Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Drogen aller Art verseucht, nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung lebt nüchtern (nach Schätzungen der Abstinenten-Verbände sind es nur etwa drei bis vier Prozent der Erwachsenen, die weder illegale Drogen noch Medikamente noch Alkohol oder Nikotin missbrauchen). Wie groß das Ausmaß des daraus entstehenden Elends wird, hängt auch von der Herkunft ab, von den biografisch erworbenen Strategien zum maßvollen Umgang mit Gefährdungs-Potentialen, von Entwicklungsaufträgen, die die Vorväter und -mütter ausgestellt haben, von der Offenheit im Umgang mit Schwächen und dunklen Seiten aus Familiengeschichten.
Die Menschen, die nicht mit Drogen der einen oder anderen Provenienz umgehen können, benötigen Hilfe: Toleranz, Zuwendung, Beratung, Therapie, Reintegration. In vielen Fällen ist die Hilfe aber noch dringlicher:
Überlebens-Strategien sind gefragt, Minderung von Elend, Vermeidung von Risiken.
Die Initiative von Ruthard Stachowske, hier eine neue Grundhaltung im Umgang mit gezeichneten Individuen einzuüben, ihr heutiges Erscheinungsbild im Kontext ihrer vorgängigen Entwicklungsprozesse zu bewerten, die sich jedem eingeführten Anamnese-Schema noch entziehen - und ihnen deshalb auch anders zu begegnen, ist nun in der Welt. Sie wird Früchte tragen bei all den Leserinnen und Lesern, die sich auf die Komplexität der ausgewerteten Lebensgeschichten und ihrer historischen Geworfenheit und Gewordenheit einlassen können. Daraus sollte die Bereitschaft erwachsen, noch weniger, als uns dies ohnehin unsere berufliche Ethik vorschreibt, das heutige Drogenelend als ein aus Leichtsinn je individuell selbst verschuldetes wahrzunehmen, sondern familiäre, womöglich auch lange zurückliegende systemische und historisch übertragene Einflüsse mit zu berücksichtigen und sie in die therapeutische Dimension hineinzuholen. Mit einem an Theodor Adorno orientierten Wort: In Deutschland muss noch auf absehbare Zeit jede Therapie Therapie nach Auschwitz sein.
Deshalb ist diesem Buch viel Erfolg beim Fachpublikum und eine hohe Verbreitung darüber hinaus zu wünschen.
Eine abschließende Bemerkung bezieht sich notwendigerweise auf den Ort, aus dem ich schreibe. Im Osten unseres Landes leben wir in einem hoch aufregenden sozialpsychologischen Kontext, der der Nachkriegszeit vor 50 Jahren nicht unähnlich ist: Wissen und Gerüchte über Schuld und Verstrickung, aber praktisch keine öffentliche Auseinandersetzung darüber. In Gemeinwesen, Organisationen, Familien gibt es kaum Kontroversen, stattdessen eine steigende Zahl von Themen, die aus dem Alltag ausgeklammert bleiben. Übergang zur Tagesordnung. Nicht ganz umstandslos, einige scharfe Diskurse gab es schon. Aber die fanden mehr unter Prominenten statt. Hier tickt eine Zeitbombe. Verlierer eines Krieges und Schuldige zugleich haben Tilmann Moser beschäftigt. Verlierer einer Idee und Schuldige an deren Verrat oder Missbrauch oder Versagen oder, oder ... werden die Therapeut/innen eines Teils der jetzt hier heranwachsenden Generation beschäftigen. Für den Autor dieses Buches und alle, die seiner Sichtweise folgen wollen, gibt es viel zu tun. Erst recht dann, wenn man die Absicht verfolgt, die Analyse korrekt und gründlich zu betreiben, statt einfache Schuld-Zuweisungsmuster zu aktualisieren.
Magdeburg, im März 2002
Prof. Dr. Wolfgang Heckmann
zum Seitenanfang
Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung. Alle Rechte liegen bei den Autoren. ©RuthardStachowske.de


